Corona-Maßnahmen und Kultur: Kultur ist nicht für alle da

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Prominente Lobbyisten drehen zu Recht die Lautstärke auf, wenn es um den Kultursektor geht, von der Band Die Ärzte bis zum Jazzer Till Brönner. Doch der Ton ist falsch.
 

Als Mitte Oktober bei Regen und elf Grad das Gerücht umging, dass der Sommer 2020 entgegen aller Berechnungen doch zu Ende gehen würde, wussten viele Kulturmenschen bereits Bescheid. Die Infektionszahlen, der Herbst, die zweite Welle: Wer von Veranstaltungen lebt, hat die erneute Schließung der Kultureinrichtungen kommen sehen. Überrascht ist niemand, sauer aber schon – Kinoverbände, Bühnenverein und Museen sehen die Verhältnismäßigkeit der Schließungen nicht ein, weil sie die Hygienekonzepte so musterhaft umgesetzt haben. Meine Erfahrung bestätigt das, in Theatern habe ich mich in den letzten zwei Monaten sicher gefühlt. Doch wenn 75 Prozent der Infektionen nicht mehr zurückverfolgt werden können, hilft Fühlen nicht mehr weiter und die Rede von sicheren Orten wirkt etwas wohlfeil.

Der Frust und bei Selbstständigen auch die Angst sind dennoch verständlich. Aber die Kultur braucht bessere Bilder von sich selbst. Bessere Argumente, wofür sie da ist. Und wofür nicht. Kultur ist zum Beispiel nicht für alle da. Ihre Produktion wird zumindest nicht von allen als derzeit annähernd größtes Problem empfunden. Sie interessiert dringlich nur eine Minderheit, wenn auch eine vergleichsweise lautstarke. So viel Ehrlichkeit wäre in der Krise angebrachter als der Versuch, seinen Beruf unter Zuhilfenahme dieser Lautstärke in der Mitte der Gesellschaft zu behaupten, oder noch schlimmer: als deren Rückgrat zu idealisieren. Eine Demokratie handelt davon, dass sie auch Minderheiten schützt, ihre Interessen und Arbeitsplätze. Das Muskelspiel der Zahlen, das Reden von Formen der Systemrelevanz, das nun den Verteilungskampf prägt, stiftet mehr Verwirrung als Verständnis für die Kultur.

Dass die Kulturbranche unterschiedlichen Märkten ausgesetzt ist, ist nur das erste Problem der Zahlenrhetorik. Am schlimmsten trifft es die Konzertbranche, die im Gegensatz zu den öffentlich geförderten Theatern und Museen auch im Spätsommer wenig von den Lockerungen profitieren konnte. Kaum Festivals, noch nicht einmal unter freiem Himmel. Marek Lieberberg, Deutschlands wichtigster Konzertveranstalter, monierte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung bereits im April die Bürokratie der Soforthilfen und Überbrückungskredite. Er hat dabei nicht der Versuchung nachgegeben, subventionierte Künste und Musicals gegeneinander auszuspielen. Lieberberg hat in diesem Gespräch einen guten Job gemacht. Aber auch er erlag dem Zauber der großen Zahl, die es in die Titelzeile schaffte: « Es geht um 1,5 Millionen Menschen. »

Nein, geht es nicht. Aber die Zahl geht viral. Auch seit der Jazztrompeter Till Brönner sie mit seinem jüngst auf Facebook und Instagram veröffentlichten siebenminütigen Video weiter ventiliert, millionenfach.

Brönner übernimmt die 1,5 Millionen und verkündet stolz den zweiten Platz aller Wirtschaftssektoren in Deutschland. Doch wen meint er? Er redet mal von der Veranstaltungsbranche, mal von Soloselbstständigen. Selbstständige gibt es in Deutschland rund 1,45 Millionen, in dieser Zahl stecken aber auch 116.000 Ärzte, 50.000 Zahnärzte, 124.000 Rechtsanwälte, womit Brönner die Hörerschaft seiner hochwertigen Musik unfreiwillig genau getroffen haben könnte. Aber was, wenn Lieberberg und Brönner nur die Musikwirtschaft meinen? Dann wären es 127.000 Selbstständige, davon rund 50.000 Musikerinnen und Musiker laut einem Bericht des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft. Das ist dann aber eine Dimension, wo Angehörige und Leidende anderer Branchen, Angestellte zumeist, durchaus zu Recht sagen können: Uns geht es auch schlecht. Und wir haben nicht so schillernde Fürsprecher.

Angela Merkel – « Aus diesem Zustand müssen wir schnellstmöglich wieder raus » Die Kanzlerin hat die neuen Corona-Einschränkungen bei einer Regierungserklärung am Donnerstag verteidigt. Sie seien zwar drastisch, aber der aktuellen Lage angemessen. 

Noch wunderlicher erscheint die Zahl, wenn man eine deutsche Studie im Auftrag der Interessengemeinschaft Veranstaltungswirtschaft (IGVW) von Juni dieses Jahres liest. Sie spricht tatsächlich von 1,5 Millionen Beschäftigten und 130 Milliarden Euro Umsatz. Allerdings stammen gut 88 Prozent dieses Umsatzes aus « wirtschaftsbezogenen Veranstaltungen » wie Messen und Corporate Events, « Kulturveranstaltungen » wie Konzerte, Theater und Stadtfeste landen bei gerade mal fünf Prozent. Sicher hängen an Messen genauso wichtige Arbeitsplätze, aber eben nicht jene, von denen Till Brönner uneindeutig spricht, wenn er einerseits « wir Musikkünstler » und dann, im leicht anderen Kontext, wieder « wir in der Veranstaltungs- und Kulturbranche » sagt. Zudem sind bei Messebau und Corporate Events viele Arbeitsplätze durch Kurzarbeitsgeld oder Soforthilfen abgefedert.

Halbrichtige Zahlen helfen der Kultur aber nicht. Es sind auch so sehr viele Karrieren und Strukturen bedroht, ohne Zweifel. Aber wenn die Kultur jetzt dazu übergeht, vor dem Kampf die Länge der Klingen zu vergleichen, kann sie nicht gewinnen. Das ist nicht ihre Stärke.

Solidarität zeigen, anstatt nur zu fordern

Wenn die Kultur wie ein Beratungsunternehmen klingt, rückt sie von ihren Kernkompetenzen ab. Was dann inhaltlich bleibt, ist Kultur als « Menschenrecht », wie Brönner am Schluss seiner Ansprache salbungsvoll sagt. Damit verharrt man auf der Kanzel, das Menschenrecht als Katechismus. Klingt aber wie im Sandkasten: Ich bin die Moral und habe das längere Schwert als du und mindestens ein so langes wie religiöse Vereinigungen, die ja auch weitermachen dürfen.

Corona-Maßnahmen – Tausende aus Veranstaltungsbranche demonstrieren in Berlin Sie fordern Lockerungen der Corona-Maßnahmen und mehr staatliche Unterstützung. Heute beraten sich auch darüber Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder. 

Gesten der Solidarität und des Werbens um Verständnis sehen anders aus – und die Kultur schlecht, wenn sie knickerig wirkt. Und allzu privilegiert: Till Brönner hat einen bekanntermaßen guten Draht zu Kulturstaatsministerin und Jazzfan Monika Grütters, der Schauspieler Ulrich Matthes, der im Frühjahr bei hart aber fair laut für die Kultur warb, sitzt nach Vorstellungen manchmal mit Angela Merkel in der Theaterkantine und Die Ärzte haben ganz offensichtlich Fans beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das spricht nicht dagegen, dass sie für Schwächere in ihren Branchen werben, aber es führt vielleicht auch dazu, dass ihre Appelle nur einen Adressaten kennen: den Staat. Es gibt aber noch andere, denen die Kultur ein Bild von sich vermitteln muss – jenen, die diesen Staat bezahlen und darunter ganz besonders jenen, die sich nicht primär als Teil des Publikums verstehen.

Vielleicht könnte man nun winzige Teile dieser großen Gruppe gerade in für alle schweren Zeiten stärker für sich einnehmen, wenn man nicht nur Solidarität einfordert, sondern selbst stärker welche zeigt, zunächst einmal untereinander. Das richtet sich nicht zuletzt an öffentlich geförderte Kulturinstitutionen: Könnten nach diesem November nicht verstärkt Theater auch Konzertveranstalter ins Haus und Bands auf die Bühne lassen? Warum kooperieren staatliche Museen mit ihren meist riesigen und oft luftigen Räumen nicht regelmäßiger mit andern Kulturbranchen? Und wäre es nun, wenn die Kirchen offen bleiben, nicht auch umgekehrt ein Zeichen der Nächstenliebe, wenn die Gotteshäuser mit Theater- und Musikschaffenden arbeiteten?


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