Der Rattenfänger und die Kollaborateure

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407 058 Aufrufe, 594 000 Minuten Zuschauen und -hören, 6 788 Likes und 9 786 Followers – und das sind nur die Zahlen der ersten 28 Tage, vom 17. März bis 13. April, an denen „Live aus der Stuff“ Kultur kostenfrei und frei Haus überallhin ins Großherzogtum lieferte. Nach dem letzten Hausauftritt, Corbi, am Samstagabend zieht der Ideengeber Bilanz und antwortet auf Kritik – mit klaren Worten.

Luxemburger Wort 28.04.2020    INTERVIEW: VESNA ANDONOVIC

Serge Tonnar, alle Künstler, die am „Live aus der Stuff“ teilgenommen haben,
bekamen hierfür auch eine Gage. Wurde dabei auch der bzw. die jüngste Teilnehmer(in), sprich Ihr zukünftiger Neffe bzw. Nichte bedacht, der/die mit Tänzerin und Choreografin Sylvia Camarda auftrat?                                                 (lacht) Indirekt schon – durch seine/ihre Mutter. Doch Spaß beiseite: Alle wurden bezahlt oder zumindest haben wir es ihnen angeboten. Doch viele, die eine feste Anstellung haben und somit neben ihrer künstlerischen Aktivität über ein festes Einkommen verfügen, haben von sich aus auf ihre Gagen verzichtet. Diese Mittel bleiben bei Maskénada und werden in weitere kulturelle Produktionen bzw. Nachfolgeprojekte investiert.                                  Sind Sie zufrieden mit der Zahlenbilanz der „Live aus der Stuff“-Reihe?
Ich weiß jetzt natürlich nicht, wie zuverlässig diese Zahlen der „post engagements“, „post reads“, „post views“, Minuten …eigentlich sind. Aber ich selbst habe schon vieles über Facebook gemacht – doch solch ein großes und auch schnelles Feedback so noch nie erlebt.
Stimmt Sie dies nicht auch ein Stück weit nachdenklich? Wann sieht man schließlich schon solch eine Publikumsmobilisierung für Luxemburger Künstler?
Wieso denn, es braucht doch nur einer weltweiten Pandemie – und schon zeigen die Leute Interesse … (lacht) Ja, es ist etwas traurig, doch dieses Interesse ist nicht nur beim Publikum enorm gestiegen. Für dieses war es am Anfang ein regelrechter Schock, zu Hause zu sein und nichts mehr unternehmen zu können. Zu dem Zeitpunkt waren wir ja die Einzigen, die solch eine Aktion gestartet haben – um damit zu zeigen, was Luxemburger Künstler alles drauf haben. Dabei fand auch ein richtiger Austausch statt – nicht so wie bei einem Konzert, wo man stumm zuhört, konnte das Publikum hier durch die Chatfunktion direkt kommunizieren – und hat dies auch untereinander getan. Und dann hat das Ganze eine Eigendynamik entwickelt …
Die da wäre?
Nun, die Zuschauer haben sich nicht nur „ihre“ Künstler angesehen, sondern auch die, zu deren Auftritte sie zuvor allerhöchstwahrscheinlich niemals gegangen wären – sie haben sie dann trotzdem in ihrer Stuff angeschaut. Einige haben uns gesagt: „Ich war noch nie in einem klassischen Konzert, aber ich hatte Jean Muller in meiner Stuff.“
Und konkret bedeutet das?
„Live aus der Stuff“ hat uns ein ganz neues Publikum erschlossen, das es vielleicht nicht gewohnt war ins Theater oder in ein Konzert zu gehen. Nicht zu vergessen: Die Aktion ist auch bei den Medien auf reges Interesse gestoßen – und Luxemburger Künstler haben somit eine weitere öffentliche Plattform bekommen. Im Radio, wo früher Luxemburger Musikproduktionen eher verhalten programmiert wurden, ja man förmlich betteln musste, um gespielt zu werden, gab es plötzlich Spezialsendungen darüber.
Welche nachhaltigen Effekte erhoffen Sie sich nun?
Erst mal, dass wir diese neue Zuschauerschaft, die wir erreicht haben, auch behalten. Dann arbeiten wir aktuell an einer neuen, unabhängigen Plattform, um ähnliche Projekte auch weiterführen zu können. Wenn alles so klappt, wie wir es uns erhoffen, wird das der nachhaltigste Effekt des „Live aus der Stuff“ sein.
Was hätte diese Plattform, das Facebook Ihnen nicht bieten kann?
Auf Facebook sind wird komplett abhängig von den Formaten, die die Plattform anbietet. Sie halten da alles in ihrer Hand – und können sogar eine Übertragung blockieren, wenn sie denken, da gebe es vielleicht ein Urherberrechtsproblem: „Live aus der Stuff“ wurde zwei, drei Mal unterbrochen, weil ein Algorithmus vermutete, er habe da etwas entdeckt, was Sony Music oder Warner gehören würde. Man ist also total abhängig von Facebook. Facebooks positive Seite ist natürlich, dass es ungemein populär ist: Wir haben all die Menschen online erreicht, die die Kultur schon ewig zu erreichen versucht, nämlich die, die gar nicht erst oder nur selten von sich aus zu Kulturveranstaltungen gehen. Es wäre ein schöner nachhaltiger Effekt – wie der Rattenfänger von Hameln die Kinder anlockt –, die Fans von „Live aus der Stuff“ auch später in einen Saal zu locken.
Serge Tonnar, der kulturelle Rattenfänger von Facebook?
Genau, so kann man das sehen.
Es gab aber auch Kritik – die nicht immer professionell wirkende Umsetzung oder schlechte Tonqualität wurden bemängelt. Was antworten Sie darauf?
Also wenn das Corona-Virus der Feind ist, dann sind wir, mit unserem „Live aus der Stuff“, die Resistenz – und die Schlechtredner sind die Kollaborateure. Ich finde es absolut schlimm, derart „de spatze Mëndchen ze maachen“ – in einer Zeit, in der auch Künstler ganz alleine, auf sich gestellt, daheim isoliert sind. Auch sie dürfen nicht raus und wahrscheinlich noch ganz, ganz lange keine Auftritte geben. Hier nun haben diese Künstler, die ja keine Techniker sind, mit ihren eigenen Mitteln – meist einem Mobiltelefon – selbst versucht, dennoch „live“ zu gehen. Da kann man doch nicht anfangen zu meckern, das Bild sei nicht scharf oder der Ton nicht gut genug … On s’en fout royalement! Und den Zuschauern war es auch – Gott sei Dank! – scheißegal. Im Gegenteil, ich behaupte sogar, dass dieser Mangel an Qualität zur Emotionalität des Ganzen beigetragen hat. Der Zuschauer spürt, dass der Künstler hier mit „Home made“-Mitteln arbeitet – wobei technisch manche mehr, andere weniger begabt sind. Die Grundidee war es, dass ein jeder einfach mit seinem Handy mitmachen konnte. Man kann nicht kritisieren, was gerade den Erfolg von „Live aus der Stuff“ ausgemacht hat. Und besonders schlimm finde ich die Behauptung, es handele sich hierbei nicht um Kunst. Zugegeben, manche sind technisch professioneller als andere, manche gefallen einem auch besser als andere – aber wer sich die Liste der Teilnehmer ansieht, kann nicht behaupten, dass es sich nicht um Kunst handelt!
Die meisten Teilnehmer kannten Sie sicher schon. Haben Sie dennoch Neues an ihnen entdeckt?
Erst einmal kannte ich sie bei Weitem nicht alle. Ich habe zu Beginn ein paar von ihnen, die ich kannte, angefragt – aber ganz schnell haben sich auch viele von sich aus bei mir gemeldet: Das Programm ist also eine Mischung aus eigenen Ideen und Vorschlägen ihrerseits. Viele mussten dabei auch umdenken, weil sie es nicht gewohnt waren, alleine aufzutreten. Greg Lamy beispielsweise wollte deshalb anfangs nicht teilnehmen, hat dann aber doch ein spezielles One-Man-Programm zusammengestellt und mitgemacht – mit dem Resultat, dass man viel näher, emotionaler an ihm dran war, als wenn er mit seiner Band im Jazzclub auftritt.
Das Projekt wurde mit der finanziellen Unterstützung des Kulturministeriums umgesetzt …
Ja, und es ist die Pflicht eines Staates, Kultur zu unterstützen, denn ein Land ohne Kultur wäre ein Land von Barbaren. Vereinigungen wie Maskénada übernehmen einen Teil dieser staatlichen Förderarbeit, während Künstler für die Gagen, die sie erhalten, auch arbeiten und dem Publikum etwas bieten: Es werden hier also keine Steuergelder zum Fenster hinausgeschmissen.
Als wir Sie zu Beginn des Projektes trafen, sagten Sie, das Leben müsse trotz Corona weitergehen. Wie geht es nun ohne „Live aus der Stuff“ weiter?
Das Projekt einer unabhängigen Plattform für kulturelle Inhalte aus Luxemburg hat nun Priorität, um von Facebook und YouTube wegzukommen. Wir stellen nämlich diesen Internetgiganten unsere kulturellen Inhalte zur Verfügung, füttern gratis ihr Programm – und sie diktieren alle Regeln und verdienen auch noch Geld damit. Ich hoffe, in ein paar Wochen Konkreteres präsentieren zu können.


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